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Dieser Text bietet einem Prediger eine Fülle von Möglichkeiten der Auslegung.
Es wäre denkbar, dass wir von dem Zusammenhang des ganzen Kapitels ausgehen. Von daher wird nämlich deutlich, dass Jesu Gleichnisse hier eine bestimmte Adresse haben. Und zwar nicht die der
Sünder sondern der Pharisäer. Die damaligen Theologen murren über Jesu Sünderliebe. Sie widersetzen sich ganz offen dem Offenbarwerden der göttlichen Gerechtigkeit.
In diesen Gleichnissen ist Jesus der Anwalt der Sünder. Sein Tun ist richten und retten zugleich. Indem er die verlorenen rettet, richtet er die Selbstgerechten. So könnte man die Gleichnisse Jesu mit
Römer 3, 21-23 stellen:
“Nun ist aber ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber
von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei
Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.”
Gottes Gerechtigkeit sondert sich nicht ab von den Sündern. Jesus zieht sie freundlich und gütig an sein Herz und verwandelt sie. Aber die menschliche
Gerechtigkeit sondert sich ab. Sie stößt die Sünder immer tiefer in ihre Verbitterung und Gottesferne.
Ich bin mir nicht im Klaren darüber, welcher der verlorene Sohn ist. Ist es der Sünder, der sich bekehrt hat? Oder ist es der neidische Bruder. Dieses Gleichnis
ist nicht allein für die, die noch in der Sünde leben und umkehren sollen. Nein – dieses Gleichnis ist für uns, die mit der Gerechtigkeit Gottes überkleidet wurden.
Es will uns erinnern, dass wir noch Geschwister haben, die umkehren sollen von ihrem gottlosen Weg. Wir sollen nicht die Nase rümpfen über sie, sondern
priesterlich an ihnen handeln. Wir dürfen nicht in den Fehler dieses neidischen Bruders verfallen. Wir, die wir im Vaterhaus bleiben dürfen nicht murren über die,
die noch ihr Gut mit der Hurerei dieser Welt verprassen. An uns soll die Freude des Himmels sichtbar werden über Sünder, die Buße tun. Wir sollten die Heimkehrer begrüßen statt vergraulen.
Wir sollten das echte Verständnis der Gerechtigkeit Gottes einüben und nicht mit den Pharisäern den bösen menschlichen Gerechtigkeitssinn pflegen.
Hier – an diesem Ärgernis das der Gerechtigkeit des neidischen Bruders wiederfährt, wird wahre Bruderliebe geboren oder getötet.
So kommen wir zur zweiten Möglichkeit der Auslegung, indem wir den verlorenen Sohn in den Mittelpunkt stellen.
Sich selbst in ihm erkennen. Das ist die Botschaft für den Sünder.
Eines muss man bei der Auslegung dieses Gleichnisses unbedingt unterscheiden:
In der modernen Philosophie und leider auch in mancher evangelischen Verkündigung wird gerne die Freiheit des verlorenen Sohnes beachtet. Er
entscheidet sich frei für den Auszug vom Vater. Wirklich frei? Im Inneren des Menschen soll noch ein göttliches Lichtlein brennen ?
Nein! Der Personenkern ist längst vom Feind erobert. Da gibt es für Gott kein Anknüpfen. Nur durch eine komplette Wiedergeburt kann der Mensch gerettet werden.
Nein, nicht in einer freien Willensentscheidung geht der verlorene Sohn in sich. Die Not zwingt ihn, seinen Weg zu überdenken. Und woran denkt er? An Zuhause
. An den Vater. Die Bibel denkt völlig anders, als wir mit unserer Sicht von Freiheit. Gott ist der Herr der ganzen Welt und des ganzen Lebens. Das Aüßerliche ist ebenso in seiner Hand, wie unser Herz und unser Denken. Diese
Tatsache ist es, die es dem Sohn ermöglicht zum Vater zu kommen.
Was wir aber hier sehen ist die Freiheit des Vaters. Er lässt den Sohn ziehen – ohne Widerwort – ohne Moralpredigt. Und um der Freiheit des Vaters willen kann
der Sohn in sich gehen: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ – Alles andere hat er verloren. Alles, was der Vater ihm gegeben hatte, war verprasst. Geld, Freunde, Gesundheit, Kraft, und Leben. Er war
heruntergekommen, er war völlig am Ende. Nur eins war ihm geblieben: Der Vater.
Ohne seine Armut hätte er den Reichtum des Vaters nicht zu schätzen gewusst.
Nicht seine Freiheit, sondern die Freiheit des Vaters rettet ihm das Leben.
Die Liebe des Vaters, die ihn hat ziehen lassen mit seinem Erbteil, diese Liebe zieht ihn wieder an das Vaterherz.
Die Liebe, die uns ziehen lässt, und die, die uns wieder heimwärts zieht, ist ein und dieselbe.
Das neue Kleid und der neue Schmuck, den der Vater ihm nun gibt, ist ein Hinweis auf die neue Gerechtigkeit, das neue Leben, dass der Vater den Heimgekehrten schenkt. „Die er gerecht gesprochen hat, die hat er auch mit
seiner Herrlichkeit bekleidet. (Rö 8,30)
Der verlorene Sohn – er steht nicht mehr vor dem Gericht. Er geht ihm entgegen. Er macht sich auf, um sich dem Urteil des Vaters zu stellen. Wie könnte er das
wagen, ohne sich der Liebe des Vaters gewiss zu sein?
Das sind die Umstände von Gesetz und Evangelium. Das Gesetz demütigt Dich und treibt Dich in Gottes Arme. Genauer gesagt in die Offenbarung Gottes – Jesus Christus.
Ronald Willems
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