Anregungen - Predigtmeditationen - Antworten

Lebenshilfe

Depressionen

“Meine Seele weigerte sich, getröstet zu werden. Gedenke ich an Gott, so stöhne ich. Sinne ich nach, so verzagt mein Geist.”

Psalm 77, 3+4

Die große Stimme des kleinen Zaunkönigs, Kims köstlicher Mandelkuchen, das Knispern des im Frühling erwachenden Waldbodens, die wissbegierigen Kinderaugen die (noch) nicht mit der Lüge rechnen, das Schlafengehen, das Aufwachen, das „Welt, wie bist du schön  - O Welt voll Gottes Poesie!“... wem geben diese Dinge Kraft und Lebensfreude? Den Poeten? Den Heiligen? Ich weiß gewiss, wem nicht:  Den Depressiven.


Was die Depressiven in immer tiefere Verzweiflung treibt ist dies: Obgleich sie das Vöglein singen hören, die Blumen riechen, das gute Essen schmecken und das zarte Frühlingsgrün sehen – es fehlt ihnen an dem Transport dieser Dinge in ihre Seele, um diese zu erfreuen. Obgleich sie sich auch leidenschaftlich sehnen, obgleich sie`s doch so gern ergriffen – es fehlen ihnen die Hände, mit denen sie`s ergreifen könnten. Sie sehen, schmecken, riechen und tasten wie Gesunde, - auch der Hunger nach Freude und Glück ist bei ihnen nicht geringer. doch ihre Sinne haben keine intakte Verbindung  zu dem Ort in ihrem Körper, wo das Schöne des Lebens in Glück und Freude umgesetzt wird... Und so sind sie eifersüchtig auf jeden Schmetterling, jeden Vogelgesang, jedes Lachen, jeden Sonnenstrahl, beginnen den Tag zu fliehen und die Nacht zu suchen, die alles in Grau erscheinen lässt; und einzig nur, weil das Grau nicht so schmerzt. Bunt ist allein die inbrünstige Sehnsucht nach einem Lachen ihres eigenen Herzens; - nach Licht am Ende des Tunnels.
Und so, vor Schmerzen eingekrümmt, treibt es sie in Regression, den Rückzug in die Einsamkeit, wenn die Kraft schwindet, der Umwelt die Lebensbejahung  vorzuspielen, die ihnen fehlt wie dem Blinden das Erkennen von Farben. Dort in ihrer “geliebten” Einsamkeit dürfen sie mit sich und der Welt trauern - fern der marternden Aufmunterungsplatitüden der Gesunden, die in noch schrecklichere Depressionen treiben.


Je mehr Freunde und Angehörige zu trösten versuchen, umso dunkler muss der Depressive seine Traurigkeit zeichnen.


Sie haben die Freude vor Augen. Sie hänselt: “Ergreif mich! Sieh doch, hier bin ich!”  Das Glück lacht den Depressiven ins Gesicht, um sie hinter ihrem Rücken zu verspotten; denn greifen ihre erlahmenden Sinne nach dem Schönen, das Erleichterung verspricht, wandelt es sich in ihren Händen in schwarzes Nichts; - was bleibt, ist der schale Widerhall ihres erbärmlich schreienden Geistes.


Und so vom Glück verspottet sehnen sie sich Stunde um Stunde, Tag für Tag den großen Schlaf herbei – wünschten, es hätte ein Ende mit ihrem verfluchten Fleisch . - Manche erliegen der Versuchung, sich selbst ein Ende zu setzen.
Man sollte, im Gegensatz zu denen, die sich aus materiellen Gründen, oder aus Flucht vor Verantwortung das Leben nehmen, auf ihre Grabsteine schreiben: “...einer qualvollen Krankheit erlegen”.


Was sagt man einer Seele, die sich nicht trösten lassen kann?
Dir ist Gott näher, als jedem anderen Menschen unter der Sonne; - du hast sein Wort:
„Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der ewig wohnt, dessen Name heilig ist: Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen. (Jes 57,15)


Depressionen sind  Bewahrung vor Hochmut –  der ist, wenngleich auch zunächst schmerzlos, schlimmer und verbreiteter und ungleich mehr Menschen sterben an jenem den ewigen Tod - Poeten wie “Heilige”


Ronald Willems

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