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Lebenshilfe

Von zu hohen Erwartungen erdrückt

Die Skala unserer Bedürfnisse, die alle befriedigt werden wollen, ist sehr breit. Selbst wenn wir sie alle als befriedigt denken, bleibt ein unfassbarer Rest, eine Ursehnsucht oder ein Vakuum, für das der Glaube innerweltlich keine letzte Erfüllung sucht, Er weiß, dass er letztes Glück erst in der uneingeschränkten Gemeinschaft mit Gott selbst —jenseits des Sterbens— erreichen wird. Dieses Urbedürfnis, die absolute Sehnsucht, identifiziert man allerdings gewöhnlich mit dem greifbaren Bedürfnis, das gerade am meisten ausgeprägt ist. Die totale Befriedigung und Erfüllung wird von dem erwartet, was im Moment am meisten benötigt wird:
Der Dürstende in der Wüste singt „Liebeslieder“ auf das Wasser und der Hungernde auf das Essen, der Gefangene auf die Freiheit und ein Verschleppter auf die Heimat, ein Blinder auf das Sehen — und ein Einsamer auf die Liebe: all you need ist love =  alles, was du brauchst, ist Liebe!


Der Vorteil dieser Konzentration auf das eine Bedürfnis leuchtet völlig ein; sie gibt die Energie, gegen die größten Widerstände anzugehen, um das Ziel zu erreichen, an dem man identisch sein kann. Ins Negative schlägt es erst um, wenn diese berechtigte „Einseitigkeit“ nicht im Augenblick der Erfüllung bewusst wird. Weil der Heimkehrer alles von der Heimkehr erwartet, der Gefangene alles von der Freiheit, das Ehepaar alles von der Liebe, wird das Glück der Erfüllung von der Belastung der zu hohen Erwartung erdrückt. Ich werde enttäuscht. Was bleibt, ist die Melancholie der Erfüllung. Das Ziel ist erreicht, der Wunsch ist erfüllt— es bleibt ein Rest, das Wissen um mehr, aber daran glauben kann ich nicht mehr.
Spätestens hier muss ich mir im Glauben bewusst werden, dass Gott die letzte Realität ist, auf die hin ich angelegt bin, damit ich nicht nur im Verlangen nach Gott schreie, sondern auch in der Erfüllung. In der Not schreie ich zu Gott in dem Bewusstsein  meiner Bedürftigkeit. In der „Erfüllungsmelancholie“ kann ich zunächst gar nicht mehr an höhere Werte glauben, sondern bin unmotiviert, resigniere und habe die Tendenz zur Oberflächlichkeit— d.h. auch zum Vergessen Gottes.


Ich muss es also lernen, in der Bedürftigkeit nicht nur zu Gott zu schreien, sondernnach Gott selbst, um ihn darin zu erleben und die Erfüllung des Wunsches nach Befriedigung nicht durch falsche Erwartungen zu gefährden. Berechtigt ist die Absolutheit der Sehnsucht, aber nur als Sehnsucht nach Gott. Ist die erlebte Erfüllung befreit von der Last der absoluten Erwartung, erfahre ich gerade in ihr ein Stück der Befriedigung, eine Ahnung des Größten , eine Erinnerung an „das Kommende“. Die Größe der Befriedigung liegt in ihrer doppelten Möglichkeit: sie stillt das Bedürfnis und befähigt zum Ausharren  bis zur letzten Befriedigung in Gott und an Gott selbst.


Hans Joachim Eckstein

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