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Manche Prediger beherrschen die “hohe Kunst” der “Sprungbrett-Predigt” in Form einer Homilie (d.h. einer Predigt, die Vers für Vers durch den Text geht) zu halten. Auf den ersten Blick sind diese gar
nicht leicht als “Sprungbrett-Predigt” zu erkennen. Vielmehr scheinen sie dem oberflächlichen Beobachter sehr biblisch zu sein. Der Prediger behandelt den Text ja Vers für Vers! Und erst bei genauem Hinsehen zeigt
sich, dass das, was dasteht, gar nicht wirklich im Zusammenhang erklärt und in seiner fortschreitenden Gedankenentfaltung ausgelegt wird. Vielmehr liefert jeder einzelne Vers lediglich ein “Stichwort”, von dem aus der
Prediger dann in seine (im Grunde textunabhängigen) Ausführungen abhebt. Hat er schließlich einen Gedankengang abgeschlossen, “landet” er dann auf dem nächsten Vers, berührt diesen kurz und nimmt ihn zum Aufhänger für
weitere, vielleicht sogar erbauliche Gedanken, die manches bieten mögen, nur eben nicht eine konkrete Auslegung und Anwendung dessen, was dasteht. Wer so predigt, könnte im Grunde auch auf den Bibeltext verzichten. Die
gedankliche Füllung seiner Ausführungen nimmt er ohnehin von anderswo her - vielleicht sogar aus der Bibel.
Als Karrikatur dieser so beliebten “Sprungbrett - Methode” sei im folgenden in der Hoffnung auf das Verständnis des Lesers für Humor eine Predigt über “Hänschen klein - Volkslied-Text” geboten. Dabei gehe ich mit dem “Hänschen- klein- Text”
so um, wie mancher “Sprungbrett-Prediger” mit seinem Bibeltext. Nun also zur “Hänschen-klein-Predigt”:
Liebe Gemeinde! Den Text für unsere heutige Predigt finden wir in unserem Volksliederbuch: Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein. Stock und Hut stehen ihm gut, ist gar wohlgemut. Aber Mutter weinet sehr, hat
ja nun kein Hänschen mehr. Da besinnt sich das Kind, läuft nach Haus geschwind. - Soweit unser Text! Wie wir sehen geht es um einen Menschen wie du und ich. Es geht um Hänschen. Wir wissen alle, dass das Wort
“Hänschen” von “Hans” kommt, und “Hans” kommt von “Johannes”. Und wenn wir jetzt noch etwas weiter graben, merken wir, dass “Johannes” vom hebräischen Grundtext her
“Jochanan” heißt - und das bedeutet: “Gott ist gnädig”! Dies eine steht also von Anfang ann über dem Leben unseres “Hänschen”: Gott ist gnädig. Und genau so steht die Verheißung über dem Leben
eines jeden Menschen, der auf diese Welt kommt, und damit auch über uns: Gott ist gnädig!
Dieses “Hänschen” ist noch klein. Vielleicht weiß er noch gar nichts von der Gnade, die über seinem Leben waltet. Aber er hat diese Gnade bereits nötig. Denn wir wissen: So klein der Mensch auch sein mag, so gewiß
ist doch auch er schon ein sündiges Wesen. Und das wird in unserem Text auch unübersehbar klar. Hier heißt es: Er “ging allein”. Und genau das ist das Problem. Hänschen geht seinen Lebensweg allein - ohne Gott -
meint, sein Leben noch selbst in die Hände nehmen und gestalten zu können. Und solch ein Weg hat immer nur ein Ziel: “In die weite Welt hinein”! Der Weg “allein”, ohne Gott, führt schnurstracks “in
die Welt”.
Das Leben in der Welt ist das traurige Gegenstück zu einem Leben mit Gott. Und was prägt dieses weltliche Leben? Unser Text nennt uns zwei Merkmale. 1) Da ist zunächst einmal die Eitelkeit, die das Leben in der Welt prägt.
“Stock und Hut steh`n ihm gut...”, so steht es hier. Diese äußeren Dinge wie “Stock” und “Hut” treten plötzlich in den Vordergrund, ganz so, als ob solche Eitelkeiten ins Zentrum unseres Lebens
gehörten. 2) Und zweitens ist das Leben in der Welt gekennzeichnet durch vergängliche Freude: ...”ist gar wohlgemut”, so lesen wir. Wir müssen ja nicht glauben, den Menschen in der Welt ginge es immer schlecht. Ganz
im Gegenteil! Wir wissen doch schon aus den Psalmen, dass es den Gottlosen oft sehr gut geht. Er genießt die Welt und ist “gar wohlgemut”. Dass diese Freude vergänglich ist, steht auf einem anderen Blatt.
Und nun kommt die große Wende: “”Aber”, so heißt es: “Aber Mutter...” Was haben doch gläubige Mütter nicht schon alles für ihre verlorenen Söhne getan, die draußen in der Welt waren! So ist es auch
bei der Mutter hier. Da ist von Tränen die Rede: “Mutter weinet sehr”. Und der Grund ist jener tief empfundene Verlust, den jeder Gläubige spürt, wenn liebe Menschen eine ganz andere, weltliche Lebensrichtung
einschlagen: “Hat ja nun kein Hänschen mehr”. Aber das Wunder geschieht. Das Kind kommt zur Umkehr: “Da besinnt sich das Kind”. Es kommt zur Wende, zu einem radikalen Umdenken, einer Neubesinnung! Ging
bisher der Weg immer tiefer “in die Welt hinein”, so wird jetzt genau die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Das Hänschen besinnt sich auf das Vaterhaus. Es “läuft nach Haus geschwind”.
Liebe Gemeinde, wenn heute jemand hier ist, der noch nicht daheim ist beim himmlischen Vater, den möchte ich doch dringend bitten: Komm zurück “nach Haus”. Schiebe die Entscheidung nicht auf! Ich möchte sie
einladen: Machen sie es wie Hänschen, kommen sie noch heute “geschwind”! Amen
Eine Bekehrungspredigt auf der Basis von “Hänschen klein”, das war gewiß eine arge Karikatur. Und doch gehen so Sonntag für Sonntag Menschen so mit der Bibel um. Da wird über alle möglichen - durchaus auch frommen -
Dinge gepredigt, die der Verkündiger in seinen Gedanken hat. Das Problem ist nur: Was er sagt, geht nicht aus dem Text - im Zusammenhang ausgelegt - hervor; es ist an den Text herangetragen.
Bei der “Sprungbrett-Predigt” liefert der Text nur die Stichworte, die wie leere Gefäße behandelt und mit beliebigem Inhalt gefüllt werden. Ihre Bedeutung im Zusammenhang bleibt unberücksichtigt.
aus: “Schriftgemäß predigen” Helge Stadelmann, Brockhaus
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